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Der Steyr-Daimler-Puch „Pinzgauer“ - ein Nachruf

 

Am 23. Februar 2000 lief der letzte Steyr-Daimler-Puch „Pinzgauer“ vom Band.

Damit endet eine fast 30 Jahre andauernde Erfolgsgeschichte österreichischer Ingenieurskunst und die des weltbesten Geländefahrzeuges.

 

Aus diesem traurigen Anlass bekam mein guter Freund Stefan Hawlicek, seines Zeichens Redakteur für die Fachzeitschriften „Internationale Transport Revue“ und „Baumaschine, Baugerät, Baustelle“ des Verlages technopress/Bertelsmann,  und ich die Möglichkeit, die Fertigungshalle des Pinzgauers ein letztes mal zu besichtigen.

 

Am 17. Mai 1971 wurde der erste Pinzgauer nach fast sechsjähriger Entwicklung und achtzehn Vorserienmodellen der Öffentlichkeit vorgestellt. Chefkonstrukteur des Pinzgauers, wie auch zuvor des Haflingers, war damals DI Erich Ledwinka, der Sohn des berühmten Prof. Hans Ledwinka (Konstrukteur des Tatra 11). Seit damals befindet sich die Endmontage im „alten“ Puchwerk in der Grazer Puchstrasse.

Als wir die ehrwürdige Halle drei Tage vor Produktionsende betraten, waren noch sieben Pinzgauer, alle für die Saudiarabische Armee bestimmt, am Band. Das Zentralrohrchassis des allerletzten „Pinzis“ wartete darauf, eine Karosserie aufgesetzt zu bekommen.

Weiters befanden sich noch zwanzig alte zweiachs- und dreiachs-Pinzgauer des Österreichischen Bundesheeres zur General-Überholung im Werk. Im Zuge des Rehab-Vertrages mit dem ÖBH wurden insgesamt 2058 alte Pinzgauer überarbeitet, der Wartungsvertrag läuft noch bis Ende April. Die Fahrzeuge werden nahezu komplett zerlegt, jeder, wenn auch nur leicht verschlissene Teil wird ausgetauscht, die Karosserie wird komplett überholt, neu lackiert und auch die Verdeckplane wird getauscht. Es ist unglaublich, wenn man einen zwanzig Jahre alten Pinzgauer, der in dieser Form längst nicht mehr gebaut wird, praktisch nagelneu aus dem Werk rollen sieht.

 

High-Tech bekommt man bei der Fertigung des Pinzgauers (im Gegensatz zur Großserienfertigung von PKW´s beispielsweise) kaum zu sehen, letztendlich wird fast alles in Handarbeit montiert.

Die ganze Montage wurde in einer Halle mit einer Länge von ca. 60m und 25m Breite von fünfunddreißig Arbeitern erledigt. An einem einzigen Pinzgauer waren fünf Arbeiter drei Tage lang beschäftigt, pro Tag liefen drei Fahrzeuge vom Band. Allerdings war natürlich die Auftragslage maßgeblich für die Anzahl der pro Tag gefertigten Pinzis, so war es letztes Jahr gerade mal einer pro Tag, der das Licht der Welt erblickte und das Werk verließ.

Die Tatsache der geringen Stückzahlen war auch ausschlaggebend dafür, daß die Produktion beendet bzw. verkauft wird. Der Markt für dieses doch sehr spezialisiertes Fahrzeug, das unter einer Million Schilling kaum zu haben war, ist offensichtlich zu klein.

 

 Übernommen wird die Fertigung von dem englischen Vertriebspartner Automotive Technic in Aldershot/Hampshire. Wie es mit der zukünftigen Auftragslage aussieht, weiß man noch nicht genau, es gibt jedoch Projekte die das Bestehen für die nächsten zwei bis drei Jahre sichern sollen. Ob der Pinzgauer sein bekanntes Design behält oder ob viel geändert wird ist ebenfalls ungewiss. Eigentlich wäre es ein Sakrileg an seinem markanten Aussehen herumzubasteln, schließlich erhielt SDP für den Pinzgauer, wie auch für den Haflinger, einen Staatspreis für Design, offensichtlich nach dem Motto „weniger ist mehr“.

 

Verbessern wird man jedenfalls kaum etwas können, der große Bruder des ebenfalls legendären Haflingers wurde dreißig Jahre lang (!) in ca. 24.000 Stück und etlichen verschiedenen Varianten gebaut. Eine ähnlich lange Produktionszeit kann kaum ein anderes Fahrzeug vorweisen. Außerdem ist bemerkenswert, daß sein grundlegendes Design nur ein einziges mal zugunsten eines neuen, sparsameren und stärkeren Motors markant geändert wurde, kleinere Verbesserungen gab es praktisch laufend. Ursprünglich war der Motor eine Eigenentwicklung von SDP, ein luftgekühlter Reihenvierzylinder-Benzinmotor mit 2499ccm, 84PS und jeder Menge Durst (ab 25Liter/100km). Im Jahre 1985 wurde der Pinzgauer erstmals mit einem von VW gefertigten Vierzylinder-Turbo-Dieselmotor (115PS) ausgestattet und erhielt die bekannte Schnauze wo der Wasserkühler untergebracht ist. Weiters wurden statt der Trommelbremsen ab nun Scheibenbremsen an allen Rädern eingesetzt, Servolenkung war serienmäßig, die Spur wurde verbreitert und der Radstand ein wenig verlängert.

Gemeinsam mit der Zahnradfabrik Friedrichshafen wurde ein Fünfgang-Stirnradgetriebe entwickelt, bei dem alle fünf Vorwärtsgänge sperrsynchronisiert sind. Das Gruppengetriebe besitzt zwei schaltbare Gänge jeweils für Gelände- und Straßenfahrt, außerdem ist es für die Verteilung des Kraftflusses zwischen Hinter- und Vorderachse zuständig.

Auf Wunsch wurde er auch mit ZF-4-Gang-Automatikgetriebe geliefert.

Der Pinzgauer wurde als Mannschaftstransporter, Funkwagen oder mit Sani-Shelter ausgerüstet. In der Minimalversion als Mannschaftstransporter hat der zweiachsige Pinzgauer ein Leergewicht von 2 Tonnen und ein HzGg von 3850kg, der Dreiachser ein Gg von 2,5 Tonnen und ein HzGg von 4850kg.

Besonders interessant sind tiefwatfähige Versionen (Wattiefe 1.5m) und Versionen für den extremen Wintereinsatz (bis – 45°C) mit eigener Heizung für Motor und Kühlflüssigkeit und spezieller Beschichtung der Karosserie um nicht bei Hautkontakt anzufrieren.

Über die Fahrleistungen im Gelände braucht man nicht viele Worte verlieren, diese sind beeindruckend bis beängstigend, egal ob alter Benzin-Pinzgauer oder Turbodiesel. Das wissen im speziellen wohl all jene, die seine Bekanntschaft beim Bundesheer machen durften.

 

Von der TD-Version wurden bis dato 5215 Stück gebaut, nur 211 Stück wurden als Zivilversion an private Käufer mit dem nötigen Kleingeld geliefert. Der Großteil der Pinzis wurde fürs Militär ausgerüstet und an die Armeen unzähliger Länder geliefert. Hauptabnehmer war die Schweiz, an zweiter Stelle liegt unser Bundesheer, weiters die Staaten Ex-Jugoslaviens, Schweden und Norwegen, England und viele Armeen Afrikanischer Länder. Großer Beliebtheit erfreut sich der Pinzgauer auch im Nahen und Mittleren Osten, sogar der Leichenwagen König Hussein´s von Jordanien war ein Pinzgauer.

 

Und jetzt ist es soweit, auch für den Pinzi hat das letzte Stündlein viel zu früh und unerwartet geschlagen. Ob man aus England noch etwas von ihm hört bleibt abzuwarten, wünschen würd ich´s ihm schon!

Ansonsten ist er jetzt auch ein „ehemaliges MilFzg“ und darf hiermit gesammelt werden...